RUSSISCHES STAATSBALLETT - KLASSISCHE BALLETTKUNST IN IHRER REINSTEN FORM DAS ORIGINAL!
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Ballett - Eine Geschichte ohne Ende

Versailles, Ausgang des 17. Jahrhunderts. Am tonangebenden Hof Europas ergötzt man sich an einem Ballett. In goldstrotzender Dekoration tanzen allerlei mythische Figuren, Nymphen kokettieren, Faune springen umher, dazwischen drehen sich elegante Paare zu den Klängen eines Menuetts, schreiten und gleiten, lächeln und fächeln. Das alles ist schon richtig professionell. Majestät selbst betreten die Bühne nicht mehr. (In jungen Jahren hatte Ludwig XIV. mitgetanzt, einmal in einem Flammenkostüm als Sonnenkönig; davon hat er seinen Beinamen.)

Zar Peter, der nachmalige Große, lernte solche Art Ballett auf seiner legendären Bildungs reise nach Westeuropa kennen und war begeistert. An seiner Residenz gab es zwar auch Tanzvergnügungen, aber sie waren anders, folkloristischer, derber. So wurden denn neben Militär- und Verwaltungsfachleuten bald auch Ballettspezialisten in sein Land gebeten. Einer davon hieß Jean-Baptiste Lande’. Zarin Anna selbst ermannte ihn zum Direktor der von ihr gegründeten Tanzakademie, die zur ruhm reichsten der Welt werden sollte. Datum, goldumrandet in der Ballettgeschichte: 15. Mai 1738.

Und damit, mit einem Kulturtransfer von West nach Ost, begann die eindrucksvolle Entwicklung des russischen Balletts. Therpsichore, die Muse der Tanzkunst, verlegte ihren Hauptwohnsitz ins Land der Zaren, spätestens mit dem Auftauchen von Petipa. Der französische Choreograph und Tänzer Marius Petipa (1818-1910) drückte einer ganzen Ära seinen Stempel auf. Von 1847 an wirkte er in St.Petersburg zunächst als Primoballerino, dann als Ballettmeister. Das ist wörtlich zu nehmen: er war ein Meister des Balletts. Bis zu seinem Tod schuf Petipa nicht nur an die 50 phantasievolle Choreographien, sondern kümmerte sich bis ins Detail um Tanztechnik, Ausdrucksformen und Musik. Der westliche Ballettstil wurde so zur Ballettklassik und die russischen Tänzer zu Könnern von höchstem Niveau.

Schließlich kam jener denkwürdige 18. Mai 1909. Das russische Ballett stellte sich in der Kulturhauptstadt Paris vor und es war ein Triumph sondergleichen. Die Pawlowa schwebte seelenvoll über die Bühne, Nijinsky tanzte und sprang wie ein junger Gott. Impresario Diaghilew (1872-1929), seinerseits ein Genie, sorgte im Hintergrund für Publicity. Das Publikum geriet in einen wahren Taumel, in ein Delirium. Ein Wunder vollzog sich vor meinen Augen, schrieb eine Zeitgenossin, alles, was die Phantasie verzaubern kann, schien auf der Bühne vereint. Da trugen die Ideen Michail Fokins (1880-1942) Früchte. Er nämlich bestand auf genauer Interpretation der getanzten Geschichte, forderte größtmögliche Übereinstimmung von Musik und Bewegung, auch rollengerechte Kostüme und Bühnenbilder von namhaften Künstlern (Picasso, DaIi, Miro).
Der Enthusiasmus des Publikums ließ die ganzen sechs Wochen der saison russe nicht nach. Von da an war Frankreich, das seit der Renaissance als die Ballettnation Nummer eins gegolten hatte, entthront.

Russisch wurde zum Synonym für Ballett schlechthin. Das ging so weit, daß westliche Tänzerinnen ihre Namen russifizierten, um mithalten zu können, vor allem später, als sich mehrere Ballets Russes im Westen etablierten. Diaghilew selbst ging mit seiner Truppe nach Paris. Es erfolgte also - 180 Jahre nach Lande’ - wieder ein Kulturtransfer, diesmal in genau umgekehrter Richtung. Ein charmanter Scherz der Muse Therpsichore.

In der Sowjetunion fand man nach allerlei sozialistischen Bühnenexperimenten zum klassischen Ballett zurück, so daß die große Tradition zum Glück nicht abriß, auch wenn die St. Petersburger Ballettschule nunmehr Staatliches Choreographisches Institut Leningrad hieß. 1934 übernahm dort Agrippina Waganowa (1879-1951) die Leitung. Diese hervorragende Tanzpädagogin, die noch mit Petipa zusammengearbeitet hatte, reformierte die Unterrichtspläne und schrieb eines der besten Lehrbücher über die Grundlagen des klassischen Tanzes. Ihren Methoden verdanken auch heutige russische Tabztruppen ihr internationales Renommee, allen voran Bolschoi, Kirow und das Russische Staatsballett. Dessen Leiter Wjatscheslaw Gordejew ist seit 1995 auch noch Leitender Ballettmeister des Bolschoi-Ensembles in Moskau, bei dem er in den 70er Jahren als Starballerino brillierte. Da schließt sich ein Kreis.
Gordejew bläst nun in die ehrwürdige Truppe einigen frischen Wind, wie ihn die vorwiegend jungen Leute seines Russischen Staatsballetts längst verspüren. Das heißt freilich nicht, daß man sich unbesehen alle Tendenzen des Modem Dance zu eigen macht. Da gibt es ja inzwischen keine Tabus mehr. Die westliche Avantgarde mixt fröhlich traditionelle Schrittfolgen mit akrobatischen Verrenkungen, Orientalisches und Afrikanisches kommt zum Zuge, Discomechanik, Sprechtexte und Gesangseinlagen - selbst der Datenhandschuh hat schon eine Rolle gespielt auf der Ballettbühne. Trotzdem kann aus dem Zusammentreffen strenger russischer Tradition mit unbekümmerter Modernität etwas Neues, Spannendes entstehen. Sicher ist eins: das Ballett, so oft totgesagt, schwingt sich voll sprühender Vitalität ins nächste Jahrtausend.

 


 
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